Bordleben 1

 

Die "KatharinaS" war mir sehr schnell vertraut. Es bedurfte nur einer kurzen Eingewöhnungszeit. Aber so richtig verlaufen kann man sich ja auch nicht und mit den Gepflogenheiten an und unter Deck ist es recht einfach. Verpflegungsmäßig war das Schiff wie ein Hotel all inclusive. Drei Mahlzeiten am Tag und was immer ich haben wollte zwischendurch. Alkoholische Getränke außerhalb der Mahlzeiten wurde allerdings gesondert abgerechnet. Ich wollte mir am zweiten Tag drei Flaschen Bier kaufen, auf Vorrat sozusagen. Ging leider nicht. Ich musste eine ganze Kiste nehmen. Kein Einzelflaschenverkauf. Auch gut, ich hatte ja noch ein paar Tage vor mir. Eigentlich erstaunlich, da soweit ich es beobachten konnte, kaum Alkohol getrunken wurde. Auf der Brücke schon gar nicht. Auch wenn das Foto oben täuschen mag: es war Silvesterabendfeier für die Freiwache.

 

Extrem angenehm war, dass ich mich völlig frei auf der "KatharinaS" bewegen konnte. Ich konnte zu jeder Zeit auf die Brücke, in den Maschinenraum oder an Deck. Jeder war bei jeder Gelegenheit für mich ansprechbar. Wenn Manöver anstanden, z. B. Hafenansteuerung mit dem Lotsen oder während des Beladevorganges hab ich mich natürlich diskret zurückgehalten, um nicht zu stören. 

Der Stuhl im Foto oben war mein Beobachtungssitz. Hier habe ich viele Stunden gesessen und in die endlose Weite des Atlantiks geschaut. Langweilig? Keine Spur, auch wenn es eigentlich nicht so viel zu sehen gab. Aber die Bewegungen des Schiffes, die Veränderung der Farben des Wassers und des Himmels ließen mich herrlich abschalten und träumen. 

 

Der Erste Offizier hatte seine Wachen von acht bis zwölf Uhr und von zwanzig Uhr bis Mitternacht. Ich habe ihn abends sehr häufig bei seiner Wache begleitet und ließ mir den Arbeitsablauf und die Routinen genau erklären. Es ist irgendwie ein unheimliches Gefühl, so in die Dämmerung hineinzufahren. Vor allem wenn es stockdunkel ist, das Licht auf der Brücke gedimmt und auf Rot geschaltet ist, hat man in dem - äußert bequemen - Navigatorstuhl sitzend das Gefühl, sich in einem Raumschiff zu befinden. Ich fand es unbeschreiblich interessant und gleichzeitig aufregend. Der Erste Offizier hat das natürlich mittlerweile etwas abgeklärter wahrgenommen als ich.

 

Wie schon gesagt, all inclusive. Vormittags und nachmittags, wenn ich auf der Brücke war, hat der "Stewart" mir eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen gebracht. Ein toller Service. 

Silvesternacht um 24.00 Uhr hat der Kapitän die Freiwache auf die Brücke eingeladen, um auf das neue Jahr anzustoßen. Eine nette Geste, fand ich. Vorher war in der Mannschaftsmesse das Silvestermenü aufgefahren worden. Man hatte viel Spaß, vor allem beim Karaoke. Das durfte nicht fehlen und es war durchaus das eine oder andere Talent dabei. 

 

Der Kapitän (links), der Elektroingenieur (rechts) und ich haben uns beim Karaoke allerdings elegant aus der Affäre gezogen.

Ein Blick in die Kombüse. Nicht gerade sehr großzügig gebaut für die Aufgabe, für eine 20-Mann-Besatzung täglich zu vier Mahlzeiten zu kochen. Es gab sehr abwechslungsreiches Essen und immer mit frischen Salaten oder Gemüse. Logistisch sicherlich eine ziemliche Herausforderung. Man weiß ja, gemeutert wird auf Schiffen nur, wenn die Verpflegung nicht stimmt.

 

 

Die "Offiziersmesse". Hier speisen auch die Passagiere. Es wurde immer perfekt eingedeckt, aufgetragen und auch wieder abgedeckt. Der Koch war wirklich sehr gut, mit immerhin begrenzten Mitteln hat er uns immer satt bekommen. Auch Sonderwünsche waren drin: mal Pfannkuchen zum Mittag oder morgens ein Omelett mit Paprika und Pilzen.

Dennoch, die Malzeiten waren manchmal etwas stressig. Der Kapitän saß am linken Tisch und ich am rechten Tisch. Ich hätte mich sicherlich hinsetzen können wohin ich wollte. Aber wie das so ist bei den Menschen, sie sitzen am Liebsten immer am gleichen Platz. Die Bordsprache ist Englisch und nun darf ich behaupten, dass ich mich - gut, mit deutschem Akzent natürlich - aber dennoch recht passabel in dieser Sprache bewege. Und wenn der Kapitän zur gleichen Zeit in der Messe war, pflegte er Konversation mit mir. Er vom linken Tisch, ich vom rechten Tisch. Jetzt muss man wissen, dass überall auf dem Schiff, sofern es nicht die allerobersten Stockwerke des Aufbaus betrifft, ein ziemliches Grundrauschen herrscht. Die Maschinengeräusche sind überall mehr oder weniger laut zu hören. Und bei diesem Grundrauschen redet der Kapitän zwar grammatikalisch ein perfektes Englisch, aber seine Herkunft von den Philippinen ist nicht zu leugnen. Und er spricht gerne, nachdem er sich eine Kartoffel in den Mund geschoben hat. Diese drei Widrigkeiten zusammen machten es für mich sehr anstrengend, über die Sinnhaftigkeit von Investments in Schiffsfonds oder den Aufbau der deutschen Regierung zu diskutieren. Ich habe ihn teilweise schlichtweg nicht verstanden und gehofft, richtig erraten zu haben, worum es wohl gehen mag. Ich gebe zu, ich habe manchmal abgewartet mit meinem Essen, bis er fertig war und habe lieber oben auf der Brücke mit ihm diese bedeutenden Themen behandelt.