Freitag, 06. Februar 2015

 

Nach dem letzten Frühstück habe ich die "Via Australis" gegen neun Uhr verlassen und stand mit meinem Gepäck auf der Pier. Gott sei Dank der Koffer hat Rollen, gewogen 22 kg, gefühlt 50 kg. Mein Fotorucksack mit Laptop etc. locker 16 kg. Ja, ich habe einfach zuviel dabei, aber es ist schon auch eine lange Zeit, die ich unterwegs bin und es sind ganz unterschiedliche Klimazonen und Betätigungen. Die Gummistiefel schlepp ich auch noch mit mir rum und das Pfund Salz - eine kleinere Menge gab es nicht - das ich mir zum Gurgeln gekauft habe, weil ich in Punta Arenas meinte, Halsschmerzen und eine Erkältung zu bekommen. Und ich stehe hier auch wieder mit meinem sperrigen Daunenparka im Arm - ich habe ihn nicht ein Mal angehabt bislang. Muss ich erwähnen, dass wir wieder ca. 10 oder 15 Grad plus haben heute Morgen? Der Parka ist gut für 40 Grad minus, aber seine große Stunde wird noch kommen, da bin ich mir ganz sicher. Im Moment hab ich jedoch noch nicht den richtigen Dreh gefunden, wie ich alles bändigen kann. Also Daunenparka über den dicken Faserpelz gezwängt, Fotorucksack nach drei Versuchen auf den Rücken gebracht, Tasche rechte Hand, links Koffer geschoben. Die "Dehnungsfugen" auf der Pier sind so breit, dass die Kofferrollen jedes Mal vollständig versinken. Das Hotel Albatros soll zwar direkt vor dem Hafen sein, aber fast ein Kilometer Fussweg wird es wohl sein, die Pier mitgerechnet. Im Hotel angekommen schwör ich mir durchgeschwitzt und außer Atem das zweite Mal auf dieser Reise, nie wieder, wirklich nie wieder mit so viel Gepäck loszuziehen.

Zum einchecken ist es auch noch zu früh, also erst einmal abhängen und mich erholen.




 

Gegen Mittag ist alles erledigt und ich treffe das Wiener Ehepaar, die mit mir am Esstisch auf der "Via Australis" gesessen haben, zufällig auf der Av. San Martin, der Shopping-Meile von Ushuaia. Ganz reizende, nette Leute und wir verabreden uns zum Abendessen im Restaurant "Tia Elvira". Zufall, sowohl sie als auch ich hatten im Reiseführer eine Empfehlung gelesen. Mein Reiseführer sagte: Achtung, häufig sehr voll, reservieren. Sehr gute Fischgerichte. Ähnliches haben auch die Wiener gelesen. Deshalb war die Einigung schnell erzielt und bei einem wirklich guten, lokalen und frisch gezapften Bier in einem Irish Pub besiegelt. Wir waren die letzten Tage ja schließlich trainiert, schon bevor die Straßenlaternen angehen einen Schlückchen zu trinken. Für meine Wiener Freunde wie für mich eigentlich völlig ungewöhnlich. Ehrlich! Wir sind bekennende nur-zum-Abendessen-gibt-es-Alkohol-Trinker. 

Den Nachmittag habe ich genutzt, mir Ushuaia einmal anzusehen. Hat mich ein wenig durch die Hanglage und die Dichte der Sportgeschäfte, Cafés und Restaurants an schweizer Skiorte erinnert. Vor allem aber wegen der Preise. Ein Café con Leche, ein sehr kleines Croissant und ein Wasser kosten bei "Tante Sara" so in etwa 12 € inkl. Tipp. Aber gut, die müssen ihr Geschäft innerhalb von sechs Monaten machen. Im Winter ist es sicherlich eher mau. Da war Punta Arenas schon ein Stück preiswerter.  




"Tia Elvira" war zwar voll besetzt, wir hatten reserviert. Aber auch das habe ich mir geschworen: meide Restaurants, die in Reiseführern empfohlen werden, es sei denn, es ist der Guide Michelin. Schlecht, das Essen war schlecht. Wir hatten Muscheln. Ich will nicht weiter drauf eingehen. Es lag vielleicht daran, dass wir keine King Crabs bestellt haben. Das ist wohl die Spezialität. Fast alle hatten solche Viecher auf dem Teller, als Suppe, als Auflauf, als sonstwas oder halt so wie sie sind. Ich kann die Dinger nicht essen. Allein das Foto dieser Riesenkrabben an der Wand, gut ein Meter Durchmesser mit ihren Beinen, hat mich irritiert. Geschweige denn die Vorstellung, ich müsste den Rückenpanzer aufknacken und aus der Rumpfschale essen. Ich empfehle mal einen Blick ins Internet. Auch meine Wiener Begleitung, mit exotischen Essgewohnheiten von vielen Reisen vertraut, fanden gerade King Crabs mehr als grenzwertig. Aber wir sind nicht nachtragend, haben noch eine Flasche Wein bestellt und einen ganz passablen Dessert. Also, das können sie überall in Südamerika.


Samstag, 07. Februar 2015

 

Heute Vormittag hole ich mir meinen Mietwagen. Da ich bis zur Abfahrt zur Antarktis noch ein paar Tage Zeit habe, möchte ich mir den argentinischen Teil von Feuerland ansehen. Dieser Teil liegt noch ein Stück süd-östlicher als der chilenische Teil, deshalb verspreche ich mir einen etwas anderen Eindruck von Feuerland. Insbesondere, weil ich küstennäher bin, zum Atlantik hin und zum Beagle-Kanal. Die Küstenregionen finde ich interessanter, spannender. Sie entsprechen in ihrer Schroffheit eher meiner Vorstellung von Feuerland. Nicht nur wegen der Hoffnung, das eine oder andere Schiffswrack zu entdecken.

Ich habe eine Hosteria am Lago Fagnano gebucht, die Hosteria Kaiken in Tolhuin. Der Lago Fagnano ist der größte See auf Feuerland, etwa 30 Kilometer lang. Die Karte, die ich mir schon in Deutschland besorgt habe, verspricht von dort einige interessante Pisten in Richtung Atlantik und Beagle-Kanal.

Ich bekomme den Mietwagen leider erst um 12:00 Uhr, muss noch gereinigt und gewaschen werden. Tät nicht nötig, hab ich angeboten, wird eh wieder dreckig. Aber sie wollten nicht. Dabei wäre es bei dieser ausgelatschten Kiste nun wirklich wurscht. Welch Unterschied zu Hertz.

Das Wetter ist nicht ideal, bedeckt und es nieselt einen ostfriesischen Landregen. Bis zur Hosteria Kaiken sind es gut 100 Kilometer, also keine Entfernung. Die Strecke dorthin ist landschaftlich recht nett, es geht sogar über einen Pass. 

  




Ich bin am frühen Nachmittag in der Hosteria angekommen, sie liegt wirklich sehr schön über dem Lago Fagnano, aber auch hier, ähnlich wie am Lago Blanco, hat man zwar einen herrlichen Blick, nur man kommt nicht ans Ufer. Es gibt hier schlichtweg keinen Zugang, geschweige denn einen Wanderweg. Ich vermute, dass ein Großteil der Unterkünfte nur für die Durchreise gebucht werden. Vielleicht zwei Nächte, mehr sicherlich nicht. Für einen Trip an die Küste ist es zu spät, aber die Karte zeigt eine Piste, etwa 40 Kilometer zum Lago Yehuin, einem kleineren See, und sie sagt mir, es gibt dort die Hosteria Lago Yehuin und das Parador Yawen. Ich wäre rechtzeitig für einen Nachmittagskaffee dort.

Die Fahrt geht durch die typischen Steppenlandschaften und Feuerlandwälder, entweder verfallende Baumstümpfe oder Bäume mit wehenden Gräsern, Farnen oder was immer die wollähnlichen Fäden sind. Irgendwie sehen sie aus, als wären es die Vollbärte der frühen Seefahrer.

Es geht links ab zum See und zur Hosteria, 5 Kilometer noch sagt das Schild. Ich habe mich vorher schon gefragt, wer hier wohl herfahren mag. Urlaub, Erholung, Fischen, es gibt sicherlich viele Gründe. Aber dann die Überraschung! 

 





Es ist wohl schon sehr lange her, dass der letzte Urlauber hier geurlaubt hat. Obwohl die Karte "Isla Grande De Tierra Del Fuego" eine "Revised Edition" ist, stimmt sie mit der Realität nicht mehr so richtig überein. Als ich die Karte dann doch etwas genauer untersuche, sehe ich, ganz winzig, (c) 1995. Tja, in zwanzig Jahren kann so manche Hosteria den Weg allen Irdischen gehen.


Sonntag, 08. Februar 2015

 

Es nieselt immer noch ostfriesisch, sei's drum, ich werde etwa 50 Kilomerter Richtung Rio Grande fahren und dann rechts auf die Piste "a" abbiegen Richtung Atlantikküste. Es sind noch einmal ca. 50 Kilometer und dann bin ich an der Caleta San Pablo mit der Hosteria San Pablo. Es gibt dort einen Leuchtturm und die Karte zeigt noch einen Anker an diesem Küstenabschnitt und die Silhouette eines Fisches. Gut, die Karte ist von 1995, der Fisch vielleicht nicht mehr da, aber vielleicht die Hosteria. Die Hoffnung auf ein gutes Mittagessen begleitet mich.

O.k., Karten von 1995 sollte man nicht unbedingt trauen. Gut, dass ich Wasser und eine Rolle Kekse dabei habe.





Wie ich dann so weiter fahre, sehe ich mein Objekt der Begierde, unten am Strand, rostig braun, etwa 50, 60 Meter links unter mir ein Schiffswrack. Nur, wie komm ich dahin? Im Moment führt meine Piste mich weg von diesem Wrack. Aber warum habe ich ein SUV? Also den nächsten Feldweg rein und siehe da, er führt mich ziemlich direkt zu gewünschtem Ort. Die letzten 100 Meter kann ich laufen, auch wenn es ostfriesisch nieselt, ist nicht weiter tragisch. Ist halt nur nicht so schön für's Fotografieren.




Nach dieser schönen Überraschung mache ich mich auf den Weg zurück nach Tolhuin. Ich möchte mir das Städtchen mal ansehen, es ist eher ein Dorf. Aber da Land hier offensichtlich nichts kostet und reichlich vorhanden ist, stehen die Häuser, Bretterbuden oder was davon übrig geblieben ist sehr weit auseinander. Das gibt der ganzen Ansammlung eine gewisse Weite und Großzügigkeit. Außerdem gibt es in Tolhuin die Panaderia La Unión. Eine Bäckerei, die überregional bekannt ist und jeder, der nach Rio Grande fährt oder von dort kommt, macht da Station, um Kuchen, Torten, Gebäck, Pralinen oder sonstiges Süsses zu kaufen. Es ist nicht zu glauben, Tolhuin ist ein Kaff, halb zerfallen, Ruinen an jeder Ecke, es würde mich wirklich große Anstrengung kosten, mich dort auch nur im Ansatz wohl zu fühlen. Aber eine Konditorei von Weltklasse. Locker dreißig Leute stehen Schlange - es ist Sonntagnachmittag gegen vier Uhr - um Kuchen zu kaufen. Ich kann nur sagen, das Warten hat sich gelohnt. Dann kommt auch noch eine Gruppe Motorradfahrer, etwa 20 an der Zahl, auf der Durchreise nach irgendwo. Aber auch sie haben von dieser Konditorei gehört und lassen es sich nicht entgehen, in voller Montur und Regenanzügen eine Kaffee-Torten-Pause zu machen.

 




Montag, 09. Februar 2015


Heute geht es zurück nach Ushuaia. Da ich den Mietwagen erst morgen abgeben muss, habe ich genügend Zeit, über die Ruta "j" einen Abstecher entlang des Beagle-Kanals zur Estancia Harberton zu machen. Die Estancia Harberton ist eine der ältesten Estancias auf Feuerland, sie wird noch bewirtschaftet, ist aber hauptsächlich als Museum hergerichtet und ist Anlaufpunkt vieler Touristen, die mit dem Katamaran von Ushuaia durch den Beagle-Kanal anreisen. Die Ruta "j" ist natürlich eine Piste und sie zweigt etwa auf halber Strecke nach Ushuaia nach Süd-Osten ab. Leider komme ich nicht an die Ostspitze von Feuerland. Das Cabo San Diego wäre sicherlich ein sehr interessanter Ort. Aber keine meiner Karten weist auf eine befahrbare Piste hin, wenngleich es dort die eine oder andere Estancia gibt, sagt meine 1995er Karte. Aber ich gehe nicht davon aus, dass im umgekehrten Analogieschluss etwas tatsächlich existiert, das die Karte noch nicht zeigt. Man wird wohl keinen Highway zur Ostspitze Feuerlands gebaut haben in den letzten zwanzig Jahren.

Das Wetter hat sich gebessert heute und auf dem Weg zur "j" ermöglicht die sich durchkämpfende Sonne noch einige nette Fotoperspektiven.  




Die "j" ist so unscheinbar, dass ich erst einmal vorbeifahre. Ich bemerke den Irrtum aber recht bald und von der anderen Richtung kommend, sehe ich auch den Wegweiser. Es ist eine extrem harte, glatte, lehmige Piste, fast ohne größere Schlaglöcher und Steine. Die sich hinter mir zuziehenden Wolken drohen mit Regen. Ich vermute, dann ist es hier eine Fahrt wie auf Glatteis. Bis zur Küstenlinie des Beagle-Kanals geht es durch dichte Wälder. Rechts und links im Wald stehen vereinzelt "Datschen". Manche fast prunkvoll, andere nicht mehr als ein Bretterverschlag.

Die Piste schlängelt sich jetzt entlang des Beagle-Kanals, aber bevor er sich zu einer breiten, fjordähnlichen Mündung öffnet, kommt die Estancia Harberton in Sicht.






 

Ich verlasse die Estancia Harberton. Mit viel Leidenschaft und auch wohl mit viel Arbeits- und Zeiteinsatz betreuen junge "Volunteers" das Walmuseum, das Herrenhausmuseum und die Garten- und Gemüseanlagen. Auch ein kleines Café wird betrieben mit selbst gebackenem Marmorkuchen. Ich glaube, den Estancias in Argentiniens Süden geht es nicht sehr gut. Davon zeugt der häufig erbärmlich wirkende Zustand der Höfe. Und irgendwie kann doch keiner von den wenigen Schafen und Kühen, die ich insgesamt auf den Weiden gesehen habe, leben. Beeindruckend ist, dass die riesigen Ländereien der Estancias immer noch lückenlos eingezäunt sind. Kilometerlange Zäune, soweit das Auge reicht, rechts und links der Straßen und Pisten sind nach wie vor Zeichen der Landnahme. Ich habe gelesen, dass in einem Jahr in den frühen Jahren um 1900 herum Argentinien für etwa 18 Millionen Dollar Vieh importiert hat, aber für 63 Millionen Dollar Weidedraht. Also die goldenen Zeiten sind vorbei, die gehen Richtung Soja-Anbau im Norden Argentiniens. Umso bemerkenswerter, dass die Estancia Harberton ein anderes Geschäftsmodell zum Überleben gefunden hat.

Die Piste entfernt sich immer weiter vom Küstenstreifen und es wird hügeliger. Der Beagle-Kanal liegt jetzt gut 100 Meter unter mir. Ein guter Zeitpunkt, um zu wenden und zurück nach Ushuaia zu fahren. Ich habe morgen noch einen ganzen Tag dort und übermorgen noch bis zum Nachmittag. Zeit genug für diesen überschaubaren Ort. Ich hoffe es wird nicht zu langweilig, denn ich kann es kaum erwarten, endlich auf die "M/V Ushuaia" zu kommen und Richtung Antarktis loszufahren.