Es geht heimwärts, langsam aber sicher. Wir haben das "Bergfest" hinter uns und sind jetzt auf dem Weg zum Rückweg, denn mit den beiden nächsten Zielen kehren wir in heimatliche Gewässer zurück. Hier war der erste Antarktis-Sichtkontakt auf der Hinreise. Durch die Gerlach Strait werden wir Danco Island erreichen und planen bei Neko Harbour unseren zweiten kontinentalen Landfall.

Die Vorbereitungen zu einem Landfall sind immer etwas zeitintensiv. Um in die Zodiacs zu gelangen, müssen wir vom ersten Deck eine Gangway runtersteigen. Davor wird oben an Deck jeder registriert, damit kontrolliert werden kann, ob später alle auch wieder zurück an Bord sind. Die Gangway, ich schätze sie auf etwa zwanzig Meter Länge, dürfen immer nur maximal zwei Leute betreten, ist halt schon etwas betagt. Und nicht jeder bewegt sich wie eine Elfe auf dem Weg nach unten. Das heißt, es staut sich. Um nicht auf dem zugigen Unterdeck auf den Einstieg warten und anstehen zu müssen, ist es schlau, das letzte Zodiac zu nehmen. In der Zwischenzeit kann man noch oben an Deck in der Sonne sitzen, sofern vorhanden, oder einfach nur rumschlendern. Last in - last out, wie in der Buchhaltung. Im Laufe der Zeit hat sich eine kleine Gruppe herausgebildet, die die gleiche Philosophie teilen. Und wie ich so über Deck laufe, sehe ich wie ein Bootsmann alte Holzkisten, Pappkartons und ähnlichen "Müll" in den großen Grill wirft. Neben dem Grill lagen noch zwei große Plastiksäcke, vermutlich auch "Müll". Mittlerweile standen noch ein paar weitere Last-Boat-Philosophen bei mir und wir spekulierten, ob es sinnvoller sei, hier den Müll zu verbrennen oder ihn zurück an Land zu bringen, wo er vermutlich auch verbrannt wird oder sonst wie entsorgt wird. Auf jeden Fall, wir waren ziemlich entsetzt, als der Bootsmann den "Müll" angezündet hat. Offensichtlich hat er unseren entsetzt-fragenden Gesichtsausdruck bemerkt und uns aufgeklärt, was er da eigentlich mache. Aber die Überraschung sollten wir bitte nicht verraten. Der "Müll" entpuppte sich als Zunder zum Anglühen des Grills. Für die Überraschung, die uns nach der Rückkehr von Danco Island erwarten würde. Als er dann Holzkohle auf den lodernden "Müll" geworfen hat, haben wir ihm das auch sofort geglaubt.

Danco Island ist eine recht kleine Insel am Südende des Errera-Channel mit einer größeren Gentoo-Pinguin Kolonie. Oberhalb der Anlegestelle ist eine Anhöhe, recht steil. Und hier kann man die Pinguin-Highways bewundern. Um nicht bei jedem Gang eine neue Spur anlegen zu müssen, stapfen die klugen Tiere immer in den gleichen Spuren, die teilweise schon so tief sind, dass nur noch Kopf und Hals herausschauen. Ein witziges Bild.

 

Bevor es zum zweiten Landausflug dieses Tages nach Neko Harbour geht ist Lunch-Time. Der große Grill erwartete uns mit deftigen Leckereien. Noch mit der Schwimmweste, pardon der umgehängten Rettungsweste natürlich, wurde uns schon die erste Grillwurst in die Hand gedrückt. Das war allerdings nur die Vorspeise, zum Hauptgang gab es dann Lamm-Parrilla. Sehr gut zubereitet, Respekt, für mehr als 100 Leute - ich gehe davon aus, dass die Mannschaft ebenfalls etwas abbekommt - zu grillen, dürfte eine logistische Spitzenleistung sein. Da bis zum nächsten Landfall noch ein paar Stunden Zeit sein wird, durfte ich mir auch einen winzigen Schluck meines Malbec dazu gönnen.

Neko Harbour ist ein pittoresker Naturhafen in der Andverd-Bay. Ein Gletscher mündet hier in der Bucht und von einer höher gelegenen Felskuppe kann man das Kalben des Gletschers beobachten. Unten am Strand lebt eine Kolonie von Gentoo-Pinguinen, die regelmäßig durch hohen Wellenschlag in ihrer Beschaulichkeit aufgeschreckt wird, wenn mal wieder ein richtig großer Brocken Gletschereis ins Wasser kracht. Nicht ungefährlich, solche Minitsunamis, wurden wir gewarnt.   

 

Heute nun geht es endgültig an den letzten Teil unseres Antarktisbesuches. Durch die Bransfield Strait geht es auf nord-östlichem Kurs Richtung Deception Island und Half Moon Island auf den Südshetland Inseln. Noch zweimal an Land gehen und dann geht es wieder durch die Drakepassage nach Ushuaia. Deception Island war auch ein unbedingtes Wunschziel von mir. Deception - Irreführung, Betrug! Betrugsinsel. Warum heißt diese hufeisenförmige Insel so? Ein vom Meer überspülter riesiger Kratersee, etwa 14 Kilometer im Durchmesser, umgeben von hohen Felswänden bis zu 540 Metern hoch und einer Meerenge von nicht einmal 400 Metern? Es ist nichts Genaues überliefert. Vielleicht weil sie einerseits einen sicheren Ankerplatz für Schiffe bietet, sofern sie den Weg durch die enge Öffnung finden. Heute wohl kein Problem, aber in ganz frühen Jahren bei dichtem Nebel eine nautische Herausforderung. Und andererseits, Deception Island ist immer noch ein aktiver Vulkan. Die vermeintliche Sicherheit ist sehr trügerisch. 1967 und 1969 waren die letzten Ausbrüche. Dabei wurden die englischen und chilenischen Forschungsstationen zerstört. Bis 1931 war Deception Island eine Walfang- und Trankocherstation, betrieben von der norwegischen Hector Whaling Company. Die Überreste dieser Aktivitäten geben der Insel einen sehr morbiden Charme. Das will ich mir unbedingt ansehen und hoffe, dass der Expeditionscharakter unserer Reise uns nicht wieder einen Strich durch diese Rechnung macht.

Nach einer etwas rauen Überfahrt erreichen wir morgens gegen 07:00 Uhr "Neptune's Bellow", die Meerenge, die in den Kratersee führt. Trotz der frühen Stunde ist alles auf den Beinen, keiner will sich diese Show entgehen lassen. Offensichtlich ist auch die Unterwasserlandschaft nicht unproblematisch, da einige Zacken des Kraterrandes bis fast zur Wasseroberfläche reichen. Es geht wirklich im Schritttempo durch das Nadelöhr und dann rauscht die Ankerkette auf etwa 60 Meter Tiefe. Den richtigen Ankerplatz zu finden erfordert viel Erfahrung, denn der Kratersee ist bis zu 250 Meter tief. Den ganz Wagemutigen und Posern steht noch ein kleines Abenteuer bevor: die vulkanischen Aktivitäten sorgen dafür, dass sich das Wasser im Uferbereich auf ca. 10 Grad plus erwärmt. Nicht flächendeckend, immer mal nur ein Streifen wird von der aufsteigenden Wärme erfasst. Wer will, kann ein "Bad" nehmen. Das machen auch tatsächlich einige. Den Lautäußerungen zufolge ist es wohl reine Glücksache, so einen Warmwasserstreifen zu erwischen. Die Badefreunde hatten denn auch das Privileg, sofort nach dem Abtrocknen als erste aufs Schiff gefahren zu werden. Nichts für mich, ich steig schon nicht mit Freuden in den Tegernsee, weil er mir zu kalt ist. Und auf die Idee komm ich überhaupt nur, wenn die Lufttemperatur mindestens so um die 30 Grad ist. Außerdem bleibt ohne Bad auch mehr Zeit, über die Insel zu streifen und die Chance wahrzunehmen, ganz kurz Aug in Aug einem Seeleoparden gegenüber zu stehen. Wie ich da so langlaufe am Strand und um einen alten rostigen Tank biege - von hinten gesehen schien er mir ein interessantes Fotomotiv zu sein - stellt sich auf einmal ein Seeleopard auf und schreit mich an. Er wird sich offensichtlich genau so erschrocken haben wie ich, nur mit dem Unterschied, er blieb sitzen und ich habe ein rekordverdächtigen Spontansprint hingelegt. Diese Viecher sind nicht zu unterschätzen, sie sind extrem schnell auf den Flossen. Ein Biss von ihnen hat unkalkulierbare Folgen, nicht aufgrund der Bissverletzung, sondern wegen der unzähligen Bakterien, die dabei übertragen werden. Wir wurden eindringlich gewarnt, Abstand zu halten, mindestens zwanzig Meter. Ich verstehe jetzt, warum. Sind halt nicht so possierlich wie unsere Seehunde am Strand von Norderney.

 


Am frühen Nachmittag sind wir dann Half Moon Island angelaufen. Gentoo-Pinguine und Adelie-Pinguine hatten wir bereits, hier auf Half Moon brüten Chin-Strip-Pinguine. Das sind die mit dem Zügel. So ähnlich sieht zumindest der schwarze Kinnstreifen aus. Und eine Menge von Wedell-Robben und Seeleoparden gab es hier. Ich war gewarnt und bin so manchen Umweg gelaufen, um nicht die herumlungernden Gruppen von Halbstarken zu provozieren. Es war interessant anzusehen, wie die Robben sich gegenseitig trietzen mit bedrohlichem Imponiergehabe. Passiert ist nichts, die haben halt Langeweile. Dennoch, Abstand bitte. 


Half Moon Island liegt achteraus, durch die MacFarlane Strait geht es Richtung Drakepassage. Irgendwo an Backbord liegt Desolation Island. Auch da wäre ich gern noch angelandet. Allein der Name ist so verheißungsvoll. Aber leider, offensichtlich drängt der Terminplan. Wenngleich wir bei der Rückkehr fast den ganzen Nachmittag und die halbe Nacht im Beagle-Kanal Kreise gedreht haben, um nicht zu früh wieder an der Pier in Ushuaia zu sein. Und um auf den Lotsen zu warten. Das hat zu etwas Unmut bei einigen Mitreisenden geführt, die auch lieber noch einen zusätzlichen Landgang auf den Südshetland-Inseln gemacht hätten. Klar, die Zeit hätte, wenn man mich denn gefragt hätte, für Desolation Island gereicht. Aber ich kann den Kapitän verstehen. Es sind gut 760 Meilen von der Antarctic Peninsula bis Ushuaia, das erfordert schon einen Zeitpuffer, da kann man kein Risiko eingehen, da muss man sich ans Drehbuch halten. Die Rückkehr ist für Sonntagmorgen 07:00 geplant. Um 18:00 geht es wieder raus, da verlässt die "M/V Ushuaia" wieder den Hafen zu einer neuen Antarktisreise. Die neuen Gäste hätten wenig Verständnis, wenn wir wegen meiner Desolation Island aufgrund einer unvorhergesehenen Wetterverschlechterung erst am Abend zurück gekehrt wären.



Nach dem Frühstück so gegen Neun und nachdem der Zoll das Schiff freigegeben hat, verlassen die Leute so nach und nach die "M/V Ushuaia", das Gepäck steht schon auf der Pier. Ich habe meine e-mail-Adresse übrigens nicht in die Liste eingetragen, die jedem Mitreisenden zugeschickt werden soll. Ich sammle keine e-mail-Adressen. Ich habe aber mit vier Leuten die Kontaktdaten getauscht. Vier Leute, mit denen es interessant sein wird, in Kontakt zu bleiben. Das Abschiedszeremoniell ist herzlich, aber irgendwie ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Ich auch. Ich laufe die Pier entlang und es ist ein etwas seltsames Gefühl, auf einmal wieder in einer ganz anderen Welt zu sein. Wie ausgespuckt. Dieser Mikrokosmos des Schiffes hält mich noch etwas gefangen. Und bei dem Gedanken: es ist vorüber, Antarktis ist vorbei, wäre mir fast am Liebsten jetzt gleich hier auf der Pier noch einmal dieses Gefühl der unendlichen Weite, der Verlassenheit und Verlorenheit zu spüren. 

Ich bleibe heute noch in Ushuaia, der Flug nach Buenos Aires geht morgen Nachmittag. Ich hätte eigentlich auch heute schon fliegen können, Zeit wäre genug gewesen. Aber man weiß nie, wie es kommt, es war ja eine Expedition, wie wir alle gelernt haben. 

Am Abend habe ich noch einmal hervorragend gegessen in der Bodegon Fueguino und dort auch die Reisekollegen aus Irland getroffen. Es war ein netter Abend. Ushuaia hat sich am nächsten Vormittag nicht von seiner freundlichsten Seite gezeigt: Regen. Also noch einmal schnell zum Hafen runter und ein paar Fotos machen und dann die Zeit bei "Tante Sara" absitzen. Immerhin gibt es dort ganz passablen Café con Leche und ebenso passables Gebäck. 

Die vielen Eindrücke dieser Reise wollen sich noch nicht so richtig geordnet im Gehirn festsetzen. Auch wenn ich mich bemühe, eine Struktur zu finden. Es ist eher wie ein Feuerwerk von Erinnerungsfetzen. Adios Antarktis, Good Bye, Adieu aber am liebsten Auf Wiedersehen, geht mir durch den Kopf. Würde, möchte ich wiederkommen? Ja, bestimmt. Mit nur einem Besuch ist das Gesamtkunstwerk nicht zu begreifen.

Das Taxi steht vor der Tür. Auf geht es zum Flughafen. Ushuaia - Buenos Aires. Morgen Nachmittag geht es dann weiter zurück nach Deutschland. Irgendwie freue ich mich doch, den Kranich zu sehen. Es wird entspanntes Reisen werden, hoffe ich. In der Business-Lounge werde ich noch einmal alle argentinischen Weine verkosten und wenn wir über den Wolken sind, werde auf das Wohl aller trinken, die mir diese erlebnisreiche Reise direkt und indirekt ermöglicht haben.