Mittwoch, 11 Februar 2015

 

Heute ist  d e r  Tag, der seit Jahren in meinen Reiseplänen herumgeistert. Nicht, dass die anderen Aktivitäten in Patagonien im Schatten des Antarktistrips gestanden hätten. Jeder Teil für sich war interessant und spannend, jeweils auf eine ganz eigene Art. Aber jetzt kommt doch der Höhepunkt der gesamten Reise und ich bin froh, dass er den Abschluss bildet. Meine Erwartungen sind hoch, aber irgendwie diffus. Was erwarte ich eigentlich? Eine grandiose Landschaft, die den Eindruck hinterlässt, nicht von dieser Welt zu sein? Mit dem weißesten Weiß, das sich erst im Horizont verliert? Mit einer einzigartigen Tierwelt, schon mal gesehen, aber nie hautnah mittendrin? Pinguine, Seeleoparden, vielleicht sogar Seeelefanten? Ein Meer, tausendfach verschieden Blau?  Bestimmt ist die Antarktis in all diesen Belangen ein Superlativ. Aber da ist noch etwas anderes. Etwas, das man nicht sehen, sondern nur fühlen kann. Eine Verlassenheit und tiefe Einsamkeit? Eine Klarheit, die alle Sinne erfasst? Vielleicht schwierig zu empfinden bei achtzig Mitreisenden. Aber wenn ich es mal geschafft habe, mich fünf Minuten abseits der anderen zu positionieren, mich zu konzentrieren, einfach mal in die Lautlosigkeit hineinzuhorchen, wenn dazu noch ein grauer Himmel das Wasser schwarz werden lässt, dann spürt man diese besondere Verlassenheit dieses Ortes. Manche meinten, der Ort sei gottverlassen. Aber da kommen mir Zweifel. Vielleicht ist er gerade hier. In dieser Pracht und Schönheit. Woanders hält er es vielleicht gar nicht mehr aus. Ich bin alles andere als bibelfest, aber irgendwo heißt es, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Und das hier ist ein anderes Universum.

Auf der "M/V Ushuaia" war auch eine kleine Gruppe orthodoxer Juden aus Israel. Sie arbeiteten an einer Filmdokumentation über Reisen an Orte, die nicht religiös oder politisch "verseucht" wären. Ein interessantes Projekt, da liegt es offensichtlich nahe, sich die Antarktis auszusuchen. Ich habe mich einmal mit ihnen unterhalten, insbesondere über den Aspekt, dass ja meiner Meinung nach die Antarktis wenn nicht "verseucht", dann aber politisch und religiös durchaus bereits besetzt sei. Symbole dieser Besetzung seien Nationalflaggen und eine Reihe christlicher Kapellen bei den Forschungsstationen. Sie hatten natürlich Recht, verglichen mit anderen Orten auf dieser Welt ist die Antarktis nicht "verseucht". Es bleibt zu hoffen, dass die Verlassenheit und Einsamkeit dieses Kontinents noch lange Zeit eine "Verseuchung" verhindert.

Bei aller Philosophiererei sollte ich die Abreise nicht verpassen. Die "M/V Ushuaia" liegt ganz hinten an der Pier irgendwie geduckt hinter den riesigen Luxus-Kreuzfahrern. Es stürmt derart, dass ich den Koffer legen muss, damit er mir nicht über den Anleger davon rollt, wenn ich ihn loslasse. Es fängt an zu nieseln und ausgerechnet heute habe ich meinen Daunenparka eingepackt. Wie man es macht!

Wir werden noch eine gute halbe Stunde warten müssen bis zum Boarden. Als es endlich an Bord geht, hört es auch auf zu Regnen, aber gefühlt hat der Wind noch zugelegt. Was sich auf der vorigen Schiffsreise über mehrere Stunden im komfortablen Stadtbüro der "Australis"-Reederei verteilt hat, sorgt hier für eine lange Schlange, deren Ende noch meterweit auf der Pier steht. Das Einchecken ist etwas mühsam. Aber auch der Prozess ist bald beendet, nachdem wir alle schriftlich erklärt haben, dass wir keine ansteckenden Krankheiten haben, nicht aus Ebola gefährdeten Gebieten eingereist sind und auch sonst gut drauf sind. 





Pünktlich um 18:00 Uhr werden die Leinen losgeworfen, die "M/V Ushuaia" legt ab. Es ist schon ein Kribbeln zu spüren, als das Schiff mit seinem blauen Rumpf - ich mag blaue Schiffsrümpfe extrem gern - langsam im Hafenbecken dreht und Richtung Beagle-Kanal Fahrt aufnimmt. Man möchte grad rufen: Ahoi Antarktis, wir kommen! Aber ich fürchte, die wartet nun ganz bestimmt nicht auf uns. Sei's drum, auch wenn sie anderes verdient hat als tausende Besucher jeden Sommer, ich bin so frei. Wer weiß, wie lange es überhaupt noch möglich ist bzw. Sinn macht, dorthin zu reisen. 

Das Programm für den restlichen Tag:

1. Mandatory Life Boat Drill entsprechend den SOLAS-Regeln

2. Dinner, mit dem Hinweis, anschließend alle persönlichen Gegenstände in der Kabine seefest zu verstauen, da wir gegen Mitternacht "open seas" erreichen werden

3. After Dinner - Movie Time.

Bevor das offizielle Programm losgeht, heißt es Kabine einrichten. Ich habe eine Doppelkabine zur Einzelnutzung. Es ist schon komfortabel, eine Koje als Ablage nutzen zu können. Bei zwei Personen und Gepäck wäre es schon ziemlich eng geworden. Da muss man sich schon gut kennen. Ich wähle die Koje an der Innenwand zum Schlafen, nicht wegen der möglichen kalten Außenwand, sondern weil ich davon ausgehe, in der Nähe der Schiffslängsachse sind die Rollbewegungen halt nicht so stark. Der Fahrstuhleffekt ist etwas gemildert.



Es bleibt noch ein wenig Zeit, sich im Schiff umzusehen und die zentralen Bereiche zu begutachten: die Bar und die Lounge. Wie ich schon sagte, sehr Basic.

Unsere Bar
Unsere Bar
Unsere Bar ist ein Pub - Saloon
Unsere Bar ist ein Pub - Saloon

Die Lounge
Die Lounge

Movie-Time
Movie-Time
Unsere täglichen "Vorlesungen"
Unsere täglichen "Vorlesungen"

Die Kaffee-Bar
Die Kaffee-Bar
Der tägliche "Afternoon Snack"
Der tägliche "Afternoon Snack"

 

Das Schiff schaukelt, präziser ausgedrückt rollt, ziemlich, nicht dramatisch, aber beim Gehen gilt ab jetzt: eine Hand für mich, eine Hand fürs Schiff. Man sollte sich schon festhalten irgendwo. An allen Handläufen auf den Gängen sind auch im Abstand von einem Meter sogenannte "Kotztüten" angeklebt. Man hat wohl so seine Erfahrungen. Vor dem Safety Drill und dem Dinner gibt es noch "general introductions & briefings". Die Mannschaft stellt sich vor. Mannschaft das ist das Expeditionsteam. Augustin, der Leiter des Teams, Leandro, Biologe und sein Assistent, Valeria Tourguide sowie Linda und Pablo, beides ebenfalls Biologen. Vorgestellt wird auch noch Dra. Lynne Hoole aus Südafrika, Ärztin und sehr erfahren in der Behandlung von Seekrankheit, wird uns mitgeteilt. Außerdem, dass jede Konsultation US$ 20,- kostet, in der eigenen Kabine US$ 25,-. Aber: die Behandlung und Medikation gegen Seekrankheit ist kostenlos. Das beruhigt, allerdings hätte sie bei mir, zumindest wegen einer Behandlung gegen Seekrankheit, sowieso keinen Umsatz gemacht.

Bei der Gelegenheit haben wir auch erfahren, dass wir 88 Passagiere sind aus 18 Nationen. Schon erstaunlich, diese Vielfalt. Erstaunlich war auch die Frage von Augustin, wie viel Iren an Bord seien. War natürlich rhetorisch, das geht ja aus ihren Anmeldeunterlagen hervor, aber er wollte mit dieser Frage kundtun, dass sie bei der letzten Reise eine Gruppe von zwölf Iren dabei hatten. An sich nichts Verwerfliches, aber nach zwei Tagen war der gesamte Biervorrat der Reise aufgebraucht. Die vier Iren, die jetzt dabei waren, lediglich zwei ältere Ehepaare, wurden dennoch etwas misstrauisch angeblickt von uns Nichtiren. 

 

 

Safety Drill und alle Belehrungen sind überstanden, somit geht es zum Dinner. Erstaunlich, was die drei Köche und der Patissier aus ihrer recht kleinen Kombüse über die ganze Reise hervorgezaubert haben. Keine Offenbarungen, aber deshalb sind wir ja nicht hier. Jeder ist satt geworden und wieder einmal: die Desserts waren Spitze. Wobei zu sagen ist, nach zwei Tagen und Nächten in der Drake-Passage haben sich die Reihen an den Esstischen doch ziemlich gelichtet. Teilweise nur halbe Besetzung, was wiederum dazu geführt hat, dass man nicht nur zwei, sondern auch drei Desserts bekommen konnte. Einen größeren Gefallen konnte man unseren drei wirklich liebenswürdigen Stewarts gar nicht tun.

Das "Restaurant" war in zwei größere Abteile unterteilt, Die Tische waren angeordnet wie bei uns im Biergarten, allerdings keine Bänke, natürlich nicht, sondern festgeschraubte Drehstühle. Alles recht eng, so dass es dem einen oder der anderen doch schwer fiel, zwischen den Stühlen durchzuschlüpfen. Das war immer wieder ein drolliges Bild. Sechs oder acht Personen saßen jeweils an einem Tisch. "Open Seating" war das System, d. h. es gab keine festgelegten Plätze. So konnte ich mal hier, mal dort sitzen und es ergab sich eigentlich immer ein interessantes Gespräch. Na ja, nach vier, fünf Tagen bildeten sich schon festere Grüppchen und auch ich habe zumindest zum Dinner häufig mit zwei Briten und einem Australier zusammengesessen. Uns hat die gleiche Vorliebe für Malbec aus Mendoza vereint, der einzige Wein, der im Angebot war. Das war zwar kein Luigi Bosca, aber auf dem Weg zur Antarktis und für zwanzig US$ muss man Zugeständnisse machen.

Nach dem Dinner und der Movie Time - es gab einen National Geographic Film über die Antarktis, was sonst - war das Bordleben allerseits recht bald beendet. Man zog sich in die Kabinen zurück. Die Nacht war relativ ruhig, ich hatte Schlimmeres befürchtet. Nur jede siebte Welle - ein seltsames Gesetz auf den Weltmeeren - ließ das Schiff etwas stärker rollen. Diese Art der Bewegung ist herrlich, sie macht mich so schön schläfrig.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster schaue, sehe ich in einiger Entfernung Land. Noch im Morgendunst hebt es sich dunkel gegen das Meer ab. Sind wir schon da? Habe ich zwei Tage und Nächte verschlafen? Oder sind wir noch gar nicht weg? Tatsächlich stecken wir immer noch im Beagle-Kanal. Am Eingang zur Drake-Passage zwar, aber immer noch unter Landabdeckung. Wie uns dann mitgeteilt wurde, hat sich ein schwerer Sturm in der Passage aufgebaut und wir müssen warten, bis es abflaut. Wann wird es denn wohl abflauen? Das sei die Millionen-Dollar-Frage, ist die Antwort. Immerhin, jetzt wissen wir Bescheid. Letztendlich warten wir hier noch den ganzen Tag und die kommende Nacht, bis der Kapitän den Bug, richtiger die Breitseite, dem Sturm entgegen stemmt. Sturm ist es immer noch, wenn auch nicht mehr so stark. Aber in den Spitzen werden 60 Knoten Wind gemessen, das ist schon ein Wort. Mare mosso! Unser Kapitän war viele Jahre auf einem Trawler in der Hochseefischerei tätig, diese Gattung gilt nicht gerade als zimperlich.

Jeder versteht und viele sind auch froh, dass wir den Sturm im einigermaßen geschützten Beagle-Kanal abwettern, aber wir verlieren natürlich mindestens einen ganzen Tag am eigentlichen Ziel unserer Reise. Dies sei das Wesen einer Expedition, wurden wir eingeschworen, nichts sei vorhersehbar und planbar. Diese Erkenntnis wird uns auf der ganzen Reise, sprich Expedition begleiten.